
«Weil er uns liebt!»
Es war das Jahr 2013. Der Nahe Osten erlebte durch den islamischen Terror blutigste Zeiten. Gotteskämpfer töteten alle, die sich aktiv der kürzlich eingeführten Scharia widersetzen. Gleichzeitig wurden ganze Städte durch heftige Bombardierungen in Schutt und Asche gelegt. Hunderttausende waren auf der Flucht, viele suchten Zuflucht in der nahen Türkei und fanden diese in Flüchtlingslagern in Ostanatolien. Viele Menschen weltweit traten in Fürbitte für die Region ein, und Gott schickte Christen vor Ort, um in diesen Lagern zu dienen.
Eine Gemeinde entsteht
So wie sich das Evangelium im Neuen Testament durch Worte, Taten und göttliche Bestätigung verbreitete, fasste auch hier das Evangelium Fuss. Das Engagement der Christen führte vor 13 Jahren sozusagen zur Geburtsstunde der ersten neuzeitlichen Gemeinde in dieser ostanatolischen Provinz. Zwei gemietete Räume dienten als Gemeindelokal. Die Mitglieder waren an zwei Händen abzählbar. Heute reichen zwei Hände längst nicht mehr. Die Christen sind noch immer mehrheitlich Gläubige der ersten Generation. Die Arbeit ist Pionierleistung in einem ausschliesslich muslimischen, teils radikalen Gebiet.
Der Schatz im Acker
Die junge Gemeinde erinnert stark an die im Neuen Testament gut dokumentierten ersten Gemeinden. So sind die Worte von Jesus und auch von Paulus sehr präsent. Diskriminierung, Drohung, Gewalt sind bei einer Mission in diesem Umfeld nicht vermeidbar. Das Evangelium hat einen Feind und dieser mobilisiert alle Kräfte, um der Verbreitung der Guten Nachricht entgegenzuwirken.
Auf Kissen am Boden sitzend, frage ich eine 20-jährige Konvertitin, Tochter eines islamischen Lehrers, ob sie sich der Konsequenzen bewusst gewesen sei, als sie ihr Leben Jesus gab. Sichtlich überrascht antwortet sie: «Ja, klar. Ich war mir der kommenden Probleme bewusst.» Sie verlor mit diesem Schritt einen grossen Teil ihres sozialen Umfelds und auch Teile ihrer Familie. Was ist das Evangelium wert? Diese junge Frau lässt mich staunen. Sie hat den Schatz im Acker gefunden und alles gegeben, um diesen ihr Eigen zu nennen.
Der grösste Schmerz
Die Familie, bei welcher ich im einzig warmen Raum der Wohnung auf Kissen sitze, musste in den vergangenen zwei Jahren zweimal umziehen. Die Gläubigen erfahren Hass, Anklagen und Ablehnung. Auch die Kinder, und dies schmerzt die Eltern sowie auch mich als Zuhörer am meisten. Die Generation der Kinder, die hier als Christen aufwachsen, muss sich früh mit dem Thema Verfolgung auseinandersetzen. «Jeden Abend, wenn meine Kinder nach Hause kommen, frage ich sie, wie ihr Tag war. Was sie machten, mit wem sie sprachen, ob sie Schwierigkeiten erlebten. Auf diese Fragen erhalte ich dann Antworten, auf welche ich wiederum mit Ratschlägen antworten kann. Ich sage ihnen jeweils, dass sie diejenigen, welche sie schlecht behandeln, nicht auch schlecht behandeln sollen.»
Gottes Wille als Heimat
Wie kann es sein, dass sich eine Familie trotz aller Konsequenzen dafür entscheidet, den Missionsbefehl zu beherzigen? Sicher war es der Gefängnisaufenthalt des Vaters vor der Gemeindegründung, wohl aber auch die Klarheit, welche das Umfeld fordert. Auf die Frage nach ihrer Motivation antworten sie: «Weil er uns liebt. Wir schulden ihm etwas für diese Liebe, und um dies zu erfüllen, teilen wir das Gehörte mit allen. Hier ist unsere Heimat, das ist Gottes Wille.»
Christ oder nicht Christ – in Ostanatolien muss man sich entscheiden. Haben wir in Europa vielleicht zu viele Alternativen? Könnte dies die Ursache sein, dass sich die Reihen unserer Gemeinden ausdünnen, während sie sich in Verfolgungsländern füllen?
Alternativen?
Die junge Frau, die ich zu ihrer Hinwendung zu Jesus befragte, kommt übrigens aus einer aktuell wieder schwer umkämpften Region. Im Namen des Islams reiht sich eine Gräueltat an die andere. Und dass das Leiden aktuell ist, zeigen Bilder verstorbener Kämpferinnen und Kämpfer, welche dieser Krieg forderte und nun gefühlt stundenlang in den Nachrichten eingeblendet werden. Nein, es gibt keine Alternative zum Evangelium des Friedens und der Versöhnung – nicht für diese vom Krieg geprägte und radikal islamistisch unterdrückte Region, nicht für Europa. «Weil er uns liebt!»



