22. Juni 2024

Neuanfang am Tiefpunkt

MONGOLEI
Viele Familien entfliehen in der Mongolei der ländlichen Armut und ziehen, auf der Suche nach Wohlstand, in die Hauptstadt Ulaanbaatar. Und geraten hier in noch desolatere Zustände.

Die Not in der Mongolei ist riesig. Von den sieben Jahrzehnten kommunistischen Sowjetregimes hat sich das ostasiatische Steppenland wirtschaftlich nie erholt. Dazu machen klimatische Schwankungen von 80 °C zwischen Sommer und Winter der nomadischen Bevölkerung sehr zu schaffen. Viele wagen deshalb den Sprung vom Land in die Stadt. Doch meistens wird die Hoffnung auf ein besseres Leben durch Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, gesundheitliche Probleme, häusliche Gewalt, Missbrauch und Schicksalsschläge aller Art zerschlagen. 1,5 Millionen Menschen – die Hälfte der mongolischen Bevölkerung – leben im überfüllten Ulaanbaatar. Das Elend ist gross, insbesondere in den Vororten.

Hilfe zur richtigen Zeit
Fast exemplarisch ist das Erleben von Ghanaa und Ghanhoyag. Das junge Ehepaar kommt aus dem bäuerlich geprägten, kargen Norden der Mongolei. Wie unzählige ihrer Landsleute ziehen auch sie in die Hauptstadt und geraten vom Regen in die Traufe. Nach kurzer Zeit führen sie ein Leben auf der Strasse. Auf die tragische Lage des Ehepaars und ihrer beiden Kinder wird eine Mitarbeiterin von Claim (siehe Box S. 9) aufmerksam. Die Familie wird in einem Lebenszentrum unserer Partnerorganisation aufgenommen. Nachdem sich ihre Wohnsituation stabilisiert hat, kann das Ehepaar nun die beiden Kinder in eine Krippe geben, arbeiten und finanziell wieder auf die Beine kommen.

Zurück ins Leben
Im vergangenen Jahr nahm Claim rund 50 Frauen, Männer und Kinder in ihren Lebenszentren auf. Die bunt zusammengewürfelten Wohngemeinschaften organisieren ihr Zusammenleben weitgehend selbst. Claim ist um Resozialisierung bemüht. Nach sechs bis zwölf Monaten verlassen die meisten Personen die Lebenszentren, wobei sie als Starthilfe in ihr neues, selbstbestimmtes Leben ein Ger (mongolisches Zelt) erhalten.

Nützliche Skills
Die Lebenszentren bieten ausserdem Speisung und Lebensmittelabgabe für Bedürftige und betreiben Gewächshäuser, um den Bedarf an Gemüse zu decken. In einem grossen Raum im Haupthaus arbeiten mehrere Frauen an Nähmaschinen. Die angefertigte Kleidung wird an Obdachlose abgegeben oder verkauft. Durch die Nähkurse von Claim sind bis in den entlegensten Orten der Mongolei Schneidereien entstanden, die zahllosen Frauen eine sinnvolle Beschäftigung und eine Einkommensgrundlage liefern.

Früh die Weichen stellen
Obschon in der Mongolei die allgemeine Schulpflicht gilt, bleiben immer wieder Kinder bedürftiger Familien Analphabeten. So auch die 13-jährige Soylerdene. Ihre Mutter ist an Krebs erkrankt. Die medizinische Behandlung überschreitet bei weitem die finanziellen Möglichkeiten der Familie. Der Vater, ein Marktfahrer, verdient viel zu wenig, um auch noch das Schulgeld für seine Tochter zu bezahlen.

Claim erfuhr von der Situation der Familie und versorgt diese nun regelmässig mit Hilfsgütern, Lebensmitteln und Kleingeld für das Nötigste. Seit einem Jahr besucht Soylerdene eine Alphabetisierungsklasse. Claim initiierte und unterstützt mehrere solcher Klassen landauf, landab. So auch eine Spezialklasse in der Hauptstadt Ulaanbaatar. Hier unterrichtet Claim-Mitarbeiterin Otchoo aktuell 47 Schüler im Alter von 9 bis 18 Jahren. Alle Kinder stammen aus speziellen Familienverhältnissen und könnten keine Regelschule besuchen.

Im Dienst der Schwachen
Ein weiteres Projekt ist das Pflege- und Altersheim von Rosa. Die heute 71-Jährige hat das Heim 2011 eröffnet. Unter ärmlichen Bedingungen werden hier teils schwerstbehinderte Menschen Tag und Nacht von 16 Mitarbeitenden in zwei Schichten mit Liebe gepflegt. Aktuell beherbergt die bessere Baracke 60 Kranke, Pflegebedürftige und Behinderte von 18 bis 84 Jahren, die völlig mittellos sind und keine Angehörigen haben, welche sich um sie kümmern könnten. Claim unterstützt das Heim mit Nahrungsmitteln, punktuell mit Geld sowie mit vielen Hilfsgütern von AVC: Kleidung, Tücher, Vorhänge, Küchenutensilien, Betten und mehr.

Ganbaa, ehemaliger pastoraler Mitarbeiter von Claim, hat vor 15 Jahren ein weiteres Heim gegründet: die Lebensgemeinschaft Bethel für Drogen- und Alkoholkranke. Inzwischen ist das Projekt auf drei Standorte angewachsen und beherbergt 50 Männer und sechs Frauen. Sie sind in Mehrbettzimmern einquartiert, machen einen kalten Entzug und arbeiten zur Resozialisierung als Tagelöhner.

Im grossen Speisesaal des Haupthauses finden an Sonntagen sehr berührende Gottesdienste statt. Bethel ist alles andere als luxuriös. Zahlreiche Menschen aber haben hier schon den Weg in die Freiheit von der Sucht gefunden. Einige sind bis zu ihrem Tod im Heim geblieben, andere sind nach einer bestimmten Zeit zurück in ein eigenständiges Leben gegangen und wieder andere haben Verantwortung in der Gemeinschaft übernommen. Und viele sind zur Familie Gottes hinzugestossen.



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