
Very Important Persons
Wir befinden uns in einem grossen Flüchtlingslager im Osten von Kenia. Die Sonne brennt, das Thermometer klettert auf 38 °C, kaum ein Lüftchen weht, alles ist mit rotbraunem Staub überdeckt. Im vergangenen Jahr kamen hier über 40 000 Flüchtlinge aus Somalia an. Viele von ihnen hausen in improvisierten Zelten, sind froh um eine tägliche Mahlzeit und verbringen ihre Tage mit dem Festhalten an der Hoffnung auf ein Weiterkommen nach Australien, Kanada oder Europa.
Mehr Hunger, mehr Flüchtlinge
Wenn die vom Welternährungsprogramm für dieses Jahr prognostizierte Dürre eintritt, wird die Anzahl hungernder Somalierinnen und Somalier – und somit der Flüchtlingsstrom – auf 4,4 Millionen ansteigen. Dies entspricht einem Drittel der Bevölkerung.
Diese Menschen brauchen nicht nur Überlebenshilfe. Sie brauchen Jesus. Wer aber versucht, ihnen die Liebe Gottes zu bringen, schreitet bildlich gesprochen durch ein Minenfeld von Erwartungen, Vorurteilen und kulturellen Zwängen. Das Vertrauen der somalischen Flüchtlingsgemeinschaft zu gewinnen, ist eine langwierige Aufgabe. Sie erfordert enormes Fingerspitzengefühl. Das hat auch unser Team von AVC Ruanda gemerkt, das schon rund ein Jahr im Lager tätig ist.
Schwer durchdringliches Geflecht
Migranten somalischer Herkunft befinden sich in einem komplexen Geflecht von Verbindungen, Garantien, Verpflichtungen und stark patriarchalisch geprägten Strukturen. Zudem wird ihre Gemeinschaft von der rigorosen islamischen Gesetzgebung beherrscht. Rasch kann es zu Feindschaft und in der Folge zu Racheakten kommen, welche nicht selten tödlich enden – Anschläge der Al-Shabbab-Miliz nicht mitgerechnet.
Zusammen durchs Minenfeld
Umso wichtiger ist die gute Zusammenarbeit aller involvierten Parteien. Zu diesen gehören auch 13 kleine Gemeinden, die über die Jahre von christlichen Flüchtlingen gegründet wurden. Gemeinsam wollen sie mit Christen aus Kenia, Ruanda und der Schweiz das scheinbar Unmögliche schaffen: die somalische Gesellschaft mit dem Evangelium erreichen. Wie? Durch Lebensmittelversorgung, offene Ohren und Herzen, Traumaberatung, einfache Kinderprogramme, die Botschaft der echten Hoffnung und Gebet.
Auf dem Weg durch das Lager treffen wir einen Jungen. Sein zerrissenes Shirt trägt die Aufschrift »VIP«. Darüber ist eine Krone abgebildet. Wir wollen, dass dieser Junge seine Identität als Sohn des allerhöchsten Königs entdeckt. Denn eine Very Important Person ist er in Gottes Augen schon längst – wie alle im Lager.



