
Von der Konferenz, die keine war
An einem Tisch sitzen ein Westafrikaner, ein Tschader und eine Deutsche und spielen Memory. Auf den Karten Schweizer Motive wie das Matterhorn, das Bundeshaus oder ein Postauto. Wo sie die Sprache im Stich lässt, verständigen sich die drei Spielenden mit Händen und Füssen. Es wird viel gelacht. Was sie hier tun? Sie warten auf die anderen Teilnehmenden der ersten AVC-Subsahara-Afrika-Konferenz.
Aus allen Himmelsrichtungen
Bei der Einreise ist afrikanische Geduld gefragt. Die äthiopischen Grenzbehörden nehmen es sehr genau, und so dauert es, bis alle 28 Gäste im Retraite-Center in der Nähe der Hauptstadt Addis Abeba eintreffen. Sie kommen aus Mali, Burundi, Ruanda, Äthiopien, Kenia, Tansania, Kamerun, der Elfenbeinküste, dem Südsudan, dem Sudan und dem Tschad sowie aus Deutschland, Italien, Österreich, Griechenland und der Schweiz.
Auf den ersten Blick haben die Geladenen wenig gemeinsam. Was sie verbindet: AVC. Es sind Schlüsselpersonen unserer afrikanischen Projektländer und ihre europäischen Projektpartner. Die meisten der anwesenden Afrikaner, die Jahr für Jahr die harte Arbeit an der Basis leisten, kennen sich nicht. Doch sie kämpfen vielfach mit ähnlichen Herausforderungen: zunehmende Islamisierung, Migration, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Erwerbslosigkeit und die Perspektivlosigkeit der jungen Generation. «Warum sie also nicht zusammenbringen, damit sie sich austauschen und voneinander lernen können?», fragt sich der AVC-Projektverantwortliche Sebastian Friedrich.
Durchatmen und austauschen
Die Stimmung beim Get-together am ersten Abend ist etwas angespannt. Man ist sich fremd und noch ist nicht allen klar, was die nächsten Tage bringen werden. Die Organisatoren haben einen Rahmen geschaffen, der Keynotes, Best-Practice-Beispiele, Lobpreis und persönlichen Austausch kombiniert. Gleichzeitig soll Zeit zum Durchatmen bleiben. Viele Teilnehmende kommen aus schwierigem Kontext: Verfolgung, Krieg, drohende Übernahmen durch dschihadistische Gruppen, Flüchtlingsströme und politische Spannungen prägen ihren Alltag.
Umso wichtiger ist der friedliche Ort. Das Grundstück am Vulkansee wirkt wie ein kleines Paradies: bunte Pflanzen, exotische Vögel, kleine Rückzugsplätze und Bänke, die zu Gesprächen mit Gott oder dem Sitznachbarn einladen. Das Gästehaus bietet gleichzeitig Raum für Privatsphäre und Gemeinschaft. Beziehungen und Vertrauen wachsen in den kommenden Tagen.
Gemeinsames entsteht
Am ersten Konferenztag fordert der AVC-Projektverantwortliche Martin Niklaus seine Zuhörerinnen und Zuhörer heraus und schickt sie zu zweit los. Sie sollen über ihre Mission und die Vision reflektieren, die sie antreibt. Der intensive Austausch lässt die meisten sogar das Mittagessen vergessen.
Ein weiteres Ziel der Zusammenkunft ist es, den afrikanischen Partnern Ideen und Lösungsansätze aus anderen Projektländern vorzustellen. Aus Mali hören wir Best-Practice-Beispiele über die Selbstfinanzierung einer Schule durch ein Agrarprojekt und den Bau einer Kommunität für verfolgte Christen im Süden des Landes. Burundi stellt ein Mikrokredit-System vor, das Christen hilft, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. In den Kaffeepausen intensivieren sich die Gespräche, es werden Kontaktdaten ausgetauscht und erste Pläne für gegenseitige Besuche geschmiedet.
Nur ein Anruf entfernt
Ein Highlight sind die Vorträge unseres Gastreferenten Yassir Eric. Der gebürtige Sudanese, Bischof für Muslim Background Believers (Christen mit muslimischem Hintergrund), gewährt den Anwesenden fesselnde Einblicke ins islamische Denken. Yassir erklärt, wie unsere Partner Muslime besser verstehen, ihnen begegnen und das Evangelium effektiv weitergeben können.
Ganz spontan entsteht vor der Abreise ein interkultureller Abend: Die Afrikaner beginnen reihum in ihren Muttersprachen zu singen und zu tanzen. Ein überaus berührender Moment. Spätestens jetzt sind alle Vorbehalte und jede Distanz gefallen. Am nächsten Tag verabschieden sich keine Kollegen, sondern Freunde. «Ich habe hier eine geistliche Heimat gefunden», sagt ein Teilnehmer. Diese Leiter sind oft auf einsamem Posten. Jetzt wissen sie, dass es da andere gibt, denen sie sich verbunden fühlen dürfen und die nur einen Anruf entfernt sind. «Die Konferenz war ein Erfolg», freut sich Sebastian Friedrich. «Doch eigentlich war es ein Familientreffen.»



