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Madagaskar: Missionar unter Häftlingen - und Fluchthelfer?Madagaskar: Missionar unter Häftlingen - und Fluchthelfer?

Gefängnisaufenthalte auf Madagaskar sind grausam. Die Eingekerkerten leiden unter miserablen Haftbedingungen.

Seit vier Monaten kümmere ich mich zusammen mit einem Pastorenteam auch um Gefangene. Die zwei Haftanstalten in Antananarivo, zu denen wir Zutritt haben, sind ebenso hoffnungslos überfüllt wie alle anderen auf Madagaskar. Allein in Antanimora vegetieren rund 5000 Insassen – Männer, Frauen und Kinder (!) – unter katastrophalen Haftbedingungen vor sich hin.

Unhaltbare Zustände
Ernährung Der Staat gibt den Gefangenen nur Reis und Maniok, selten Gemüse, nie Fleisch. Dieser »Menüplan« führt zu schweren Mangelerscheinungen. Wer keine Familie hat, die ihn mit ergänzenden Lebensmitteln versorgt, hat Pech. Gekocht wird notdürftig
unter freiem Himmel.

Hygiene Mangels Hygiene leiden die Gefangenen unter Befall von Flöhen und Läusen. Duschen gibt es nicht, Seife und Shampoo sind rar. Das für die Reinigung benötigte Wasser tröpfelt aus einem verrosteten Hahn.

Zellen Für uns sind nur die Zellen der Kinder und Jugendlichen zugänglich: grosse, heruntergekommene, feuchte, stinkende Verliese. Die »Matratzen« sind aus Schaumstoff, teils mosaikartig zusammengestückelt und ohne Bezug. Zum Schlafen dient eine behelfsmässige Decke.

Sanitäranlagen Toiletten existieren keine, ein Eimer muss diese Funktion übernehmen. Er wird dann in eine Grube in unmittelbarer Nähe der Zellen gekippt.

Ärztliche Versorgung Eine medizinische Abteilung gibt es nicht. Gelegentlich taucht ein Arzt auf – einmal in der Woche vielleicht, oder einmal im Monat.

Unendlich lange, trübe Tage Die Häftlinge schlagen ihre Zeit in gleichförmiger Routine tot. Die Männer mit Karten- und Dominospielen. Soll einer aus irgendeinem Grund bestraft werden, wird er gezwungen, stundenlang im Hof zu knien. Die Frauen beschäftigen sich mit Kochen und der persönlichen Hygiene. Was mich bei ihnen angenehm überrascht: Obwohl die Zustände in der Frauenabteilung ebenso prekär sind wie überall sonst, herrschen hier geregelte Abläufe in der Essenszubereitung und Körperhygiene.

Minderjährigen, meist Strassenjungen, gewährt der Staat eine Schulbildung – allerdings in äusserst bescheidenem Rahmen. Den Rest ihrer Zeit verbringen sie mit Fussballspielen. Minderjährige Mädchen gibt es hier keine.

Haft ohne Urteil Was mich besonders empört: Die meisten Gefangenen stammen aus armen Verhältnissen und befinden sich lediglich in Untersuchungshaft. Weil nicht imstande, einen Anwalt zu bezahlen, um die Aufnahme ihres Verfahrens einzuleiten, warten manche bereits seit Jahren auf ein Urteil.

Auf Gefängnisbesuch Wir bringen diesen hoffnungslosen Gestalten – nebst Nahrung, Hygieneartikeln und sonstigen Hilfsgütern auch ein Liebeszeichen von Gott: die Gute Nachricht. Wir predigen und verteilen das Lukas-Evangelium. Mit Erfolg: Ende März konnten wir 25 Gefangene aus dem Frauentrakt taufen und mit je einer Bibel beschenken.

Auf Madagaskar sagt der Volksmund: Die Gefangenen sind die Vergessenen der Regierung. Weil jedoch dieses Vergessen nicht auf Gott zutrifft, haben wir uns zum Ziel gesetzt, weitere Gefängnisse zu besuchen, um Gottes Liebe hineinzubringen.

Angst, verhaftet zu werden Auch ausserhalb der Gefängnisse stossen wir auf Leute in »Gefangenschaft«, doch diese ist hier weniger offensichtlich.

Émile kennen wir seit sechs Jahren. Von Kindsbeinen an hörte er das Evangelium, dem Ruf Gottes jedoch mochte er nicht folgen. Irgendwann war er nicht nur auf der Flucht vor Gott, sondern auch vor der Justiz.

Er und seine Frau Lydia stammen von Chinesen ab, die schon seit Generationen auf Madagaskar leben. Émiles Schreinerei fehlte es an Aufträgen, weshalb er versuchte, sich mit Webereiarbeiten über Wasser zu halten. Corona versetzte dem Unternehmen den Todesstoss. Émile vermietete sein Betriebsgelände samt Haus an einen anderen Chinesen, der ihm jedoch mehrere Monate keine Miete bezahlte.

Émile verkaufte dann im Sinne der »Selbsthilfe« Maschinen aus dem Betrieb seines Mieters, worauf der säumige Mieter Anzeige erstattete und der bestochene Richter Émile zu einem Jahr Haft verurteilte. Zwar ist das Urteil noch nicht rechtskräftig, doch Émile fürchtet sich panisch vor einer Inhaftierung, was ja angesichts der beschriebenen Zustände mehr als verständlich ist.

Sind wir Fluchthelfer? Im Oktober 2020 tauchten Émile und seine Frau Lydia bei uns in Ambovo auf. Seine Geschichte bescherte mir eine schlaflose Nacht. Denn: Sollte die Polizei unseren verurteilten Besucher bei uns verhaften, so fürchtete ich, würden wir gemeinsam in den Knast wandern. Doch dann wich die Angst einer inneren Gewissheit, dass Gott diesen Besuch arrangiert hatte.

Émile nahm als erster Jesus in sein Leben auf, wobei er – zu seiner eigenen Überraschung – in Tränen ausbrach. Seine Frau folgte seinem Schritt, und vor ein paar Wochen haben wir beide getauft. Unsere Begeisterung ist riesig. Sie sind nach Hause zurückgekehrt und nehmen jetzt an einem Glaubenskurs teil. Die Gerichtsverhandlung wird wiederholt, und wir erwarten diesmal ein gerechtes Urteil.

Die Bewohner von Madagaskar, ganz egal wer sie sind, woher sie stammen, in welchen Lebensumständen oder in welcher Art von »Gefängnis« sie sich befinden, brauchen Jesus. Und es ist unser Privileg, sie mit ihm bekannt zu machen.